Allgemein

Tänze des Lebens

Tanzen lässt mein Herz klopfen, schafft Bewegung, macht lebendig. Ermöglicht Ausdruck, lässt mich in den Flow kommen, lässt mich in meine Kraft kommen. Ich bin ganz bei mir und gleichzeitig ganz mit allem verbunden. Spielerisch und mit Leichtigkeit entdecke ich neue Möglichkeiten. Sie sind überraschend vielseitig.

Es war ein Tanzfilm, der Dokumentarfilm „Mr. Gaga“ von Tomer Heymann, über den jüdischen Tänzer und Choreographen Ohad Naharin, der mich dazu inspirierte, über meinen eigenen Bezug zum Tanzen, zur Bewegung und Lebendigkeit nachzudenken, und nach neuen Formen der Bewegung zu suchen.

In dem Film wird gezeigt, wie Ohad Naharin eine komplett neue Bewegungssprache erfand, die er schlicht `Gaga‚ nennt, und wo es um die Befreiung durch den tänzerischen Ausdruck geht.

Dieser Tanzstil durchbricht Traditionen, gibt dem Körper neue Freiheiten und motiviert die Tänzer zur freien, spielerischen, kreativen Interaktion.

Es geht darum, das Instinktive, Natürliche, und auch das Tierische, Animalische im Menschen zum Ausdruck zu bringen. Das, was sich zeigen will.

Die Tänzer hören auf ihren Körper, bevor sie ihm mitteilen, was er tun soll. Mit viel Anmut, Langsamkeit, Minimalismus, Schönheit.

Bewegung die heilt, Bewegung als authentischer Ausdruck des eigenen Selbst.

Eine Verbindung der männlichen und der weiblichen Energien, von Explosivität und Nachgeben, von Aggressivität und Zartheit.

Ich erinnerte mich daran, wie lebendig ich als Kind war und wie gerne ich immer getanzt habe. Ich war immer in Bewegung, lief mit meinen Freundinnen durch die Gegend, spielte mit den anderen Kindern fangen.

Ich kletterte auf die höchsten Bäume. Oft tanzte ich wild durch die Wohnung, verkleidete mich im Mini-Playback-Style und imitierte vor dem Spiegel Popstars wie Madonna.

In mir war viel Wildheit, Lebendigkeit, Vitalität. Bewegung, die zum Ausdruck drängte.

Einmal stand ich in der Schule einfach auf und tanzte durch den Klassenraum. Mein Grundschullehrer, der streng, aber gerecht war, lachte nur und fragte, was ich denn da mache. Und ich antwortete: „Ich tanze!

Als ich mit meiner Mutter, meiner Großmutter und meinem Bruder einen Urlaub auf der kleinen Nordseeinsel Baltrum machte, tanzte ich einmal so wild vor dem Fernseher herum, wo ein Popkonzert von Tina Turner übertragen wurde, dass ich mir am Ende den Knöchel gegen den Tisch anschlug und diesen dabei verstauchte. Danach konnte ich erstmal eine Weile nur im Bollerwagen über den Strand gezogen werden.

Ich war sehr aktiv, immer in Bewegung, lief mit meiner Freundin Vanessa durch die Wälder und fühlte mich wild und frei. Manchmal tanzte ich auch in Unterwäsche rum.

Später nahm ich dann Ballettunterricht, ging zum Jazzdance und machte Tanztheater. Bei einer Aufführung auf der Bühne meines Gymnasiums tanzten wir mit rosafarbenen Seidentüchern zu Jewels „These Hands“.

Ich besuchte Aerobic-Kurse und ging mit meiner Mutter und meinem Onkel im Bergischen Land auf dem Trimm-Dich-Pfad Joggen. Ich war viel unterwegs, vor allem in Köln, wo ich vom Kulturleben profitierte.

Auch das wilde, unkontrollierte Tanzen blieb erhalten. Ich ging auf Rock-, Ska- und Punkkonzerte und genoss dort Pogo Dance, Pogen. Auf Unifestivals und anderen Musikfestivals gab ich mich ganz der wilden, unkontrollierten Bewegung ohne jegliche Choreographie hin, ich tanzte in Clubs, um dort die Welt um mich herum zu vergessen und ich tanzte allein für mich zuhause, zur neuesten Untergund-Musik.

Dieser Ausdruck meiner Lebendigkeit und Vitalität führte auch in meinem sonstigen Alltag zu einer immensen Leichtigkeit. Dem Abitur näherte ich mich spielerisch und mit Leichtigkeit. Ich traf mich mit Freundinnen zum Lernen. Ich genoss es, zu Lernen. Die mündlichen Prüfungen betrachtete ich als kleine Auftritte, in denen ich mich und mein Wissen und Können zeigen durfte, und ich brillierte darin. Es war eine schöne Herausforderung.

Meine Großmutter erfreute sich sehr an meiner Lebendigkeit und meinem In-Bewegung-Sein. Sie selbst wäre als junge Frau auch gern so frei und unbekümmert gewesen, sie war aber von gesellschaftlichen Konventionen davon abgehalten worden, das zum Ausdruck zu bringen.

Meine eigene Lebendigkeit wirkte schon früh als Heilmittel und Trost gegen die Traurigkeit meiner Großmutter, die viel zu jung, in ihren Vierzigern, kurz vor meiner Geburt, ihren Mann verloren hat, den Versorger der Familie, einen Banker, der an einem Schlaganfall ganz plötzlich gestorben war. Ein großer Schock für meine Großmutter. Sie wurde krank, bekam schlimme Schilddrüsenprobleme. Durch ihre Unterfunktion verlor sie viel Gewicht und kam ins Untergewicht, sie war blass und blutleer. Meine Geburt brachte sie zurück ins Leben.

Diese Lebendigkeit und Vitalität wünschte ich mir nun zurück.

Als ich nun den Film „Mr. Gaga“ im Kino sah, inspirierte mich das dazu, alternative Formen des Tanzens auszuprobieren. Ich wollte in den kreativen Fluss kommen, aus dem Körper heraus, formlos eine neue Form findend. Ich suchte nach Möglichkeiten zum kreativem Ausdruckstanz und tanzpädagogische Methoden und fand Lamia KrienersTänze des Lebens“.

Dort lernen die Teilnehmer über physische Haltungen und Bewegungen sensorische und emotionale Vorgänge positiv zu beeinflussen. Körper, Geist und Psyche stehen in einer Wechselwirkung zueinander und sind gleichermaßen integriert. Inneres und äußeres Erleben bedingen einander. Durch die persönlichen Zugänge, die der Tanzende zu seiner Bewegung findet, erweitert sich sein Bewegungsrepertoire und sein Körperempfinden vertieft sich. Die motorische Veränderung der Bewegung ermöglicht eine persönliche Transformation.

Inspiriert sind die „Tänze des Lebens“ durch „Biodanza„, ein ganzheitliches System zur Entfaltung und Integration menschlicher Potentiale durch Musik, Tanz, Bewegung, Kontakt und Berührung, das der chilenische Psychologe, Soziologe, Anthropologe und Künstler Rolando Toro Arenada in den 60er Jahren entwickelt hat.

Dieses „System der existentiellen Erneuerung“ bietet innerhalb der Gemeinschaft der Gruppe einen geschützten Raum, den Rolando Toro als (mit Liebe) „angereichertes (Energie-) Feld“ bezeichnet.

Durch die sinnliche und emotionale Erfahrung beim Tanzen, die „Poesie der menschlichen Begegnung“ und durch den körperlichen Ausdruck wird eine tiefgreifende Transformation ermöglicht. Integration, Heilung und eine Erneuerung der vitalen Lebensfunktionen dürfen stattfinden.

Das Leben und seine ursprünglichen Möglichkeiten der Selbstorganisation stehen beim biozentrischen Prinzip nach Rolando Toro im Vordergrund. Er hat den Begriff des „vitalen Unbewussten“ entwickelt, den „Psychismus der Zellen„, wie er es nennt. Unser Denken und Fühlen wirken ebenso wie unsere Bewegungen und Haltungen in jede Zelle unseres Körpers hinein. Das Zellbewusstsein des vitalen Unbewussten wirkt sich somit auf die endogene Gestimmtheit und das kinästhetische Wohlbefinden oder Unwohlsein aus. Auf die Selbstorganisation der Zellen kann etwa durch das Tanzen und das Ausüben archetypischer Haltungen, durch Berührung und Begegnung, durch den Ausdruck der eigenen Potentiale, und durch das Gefühl der Verbundenheit mit dem Kosmos positiv eingewirkt werden.

Die Entwicklung eines ethischen Bewusstseins und der Achtung des Lebens, seiner Schönheit und seines Mysteriums, der Ehrfurcht vor der Heiligkeit alles Lebendigen, erschließen uns unsere eigene Zugehörigkeit zur Natur und zum Universum, unseren kosmischen Ursprung.

Lamia hat dieses System in ihren Tänzen des Lebens um Schamanismus und den Bezug zum Jahreskreis und zu den natürlichen Rhythmen des Lebens erweitert.

Während der Vivencias, den Tanzeinheiten, bin ich immer im subjektiven emotionalen Augenblick, im Erleben. Alles, was ich in der Tänze-des-Lebens-Ausbildung theoretisch lerne, erschließe ich mir über meine eigene Erfahrung im Tanzen – und in der Begegnung mit anderen Menschen. Ich erlebe die subjektiv emotionale Präsenz eines jeden einzelnen Teilnehmers und jeder Teilnehmerin.

Körperbewegungen, Gesten, Blicke, der Gesichtsausdruck, Berührungen – all das erzählt mir ganz viel über mein Gegenüber und auch über mich selbst.

Die Einbeziehung der körperlich-sinnlichen Ebene schafft Verbindung. Die freien, tänzerischen Begegnungen mit den anderen Teilnehmern empfinde ich als sehr nährend, stärkend.

Bei den Tänzen des Lebens geht es um die Integration verschiedener Anteile: Ich spüre meine eigene Lebendigkeit, meine Vitalität.

Die vitalen Anteile, die ich oft abspalten musste, etwa beim langen Stillsitzen in der Schule, oder in meiner Rolle innerhalb des Familiensystems als vernünftige, rationale, selbstbeherrschte ältere Tochter und Gymnasiastin, kann ich nun wieder annehmen, sie integrieren und zum Ausdruck bringen. Ich erlebe mich tanzend und in der Begegnung mit den anderen als lebendig, kraftvoll, vital.

In der Gruppe erfahre ich durch die Begegnung, durch Blicke und Berührung Affektivität. Dadurch kann ich mir selbst und anderen ganz anders begegnen, aus der Liebe heraus, frei von Wollen. Es entsteht eine ganz besondere Erfahrung von Nähe und Zärtlichkeit, ein wirkliches Berührtwerden, voller Zartheit, Sanftheit, Weichheit, Geborgenheit, Liebe, Innigkeit, Aufgehobensein – ein Zuhause-Gefühl.

Die Möglichkeit, diese Affektivität im geschützten Raum der Ausbildungsgrupe unter Anleitung der Ermöglicherin und Ausbilderin Lamia erleben und ausleben zu können, führt bei mir zu einer deutlichen Verbesserung meiner Beziehung zu mir selbst – und auch zu meinem Partner. Auch mit ihm kreeiere ich einen geschützten Raum voller Zärtlichkeit und Geborgenheit und liebevoller Zuwendung.

Neben der Erlebnislinie der Vitalität und derjenigen der Affektivität werden durch die Tänze des Lebens auch die anderen Erlebenislinien gestärkt: die der Kreativität, diejenige der Sexualität und die der Transzendenz.

Durch Spiele, durch neue Formen des tänzerischen Ausdrucks und der Bewegung, darf sich die eigene Kreativität entfalten. Die Befreiung des Körpers und des Ausdrucks führt auch zu einem anderen, freieren Umgang mit der Sexualität und mit der eigenen Körperlichkeit.

Und auch die Ebene der Transzendenz, die Spiritualität, wird durch das Tanzen integriert. Ich fühle mich mit dem Universum und dem Alleins verbunden. Die Begegnungen mit mir selbst und mit den anderen im angereicherten Feld sind mir heilig.

Alles ist ein natürlicher Teil von mir und nichts davon muss abgespalten werden. Stattdessen gehe ich in Kontakt mit dem, was da ist, was sich zeigen will. Verspannungen, Körperregionen, die sich gerade nicht so geschmeidig anfühlen, wie sonst, Müdigkeit, ein Bedürfnis nach Rückzug und Alleinsein, aufkommende Emotionen. Ich tanze mit jenen inneren Anteilen, die ich bisher abgespalten habe. Über die eigene Bewegung und die bewusste Wahrnehmung meines Körpers komme ich in Kontakt zu mir selbst.

Ich erlebe verkörperte Selbstwahrnehmung, wie es der Körpertherapeut und Entwicklungspsychologe Alan Fogel nennt („embodied self-awareness„). Durch Bewegung, Berührung, Atmung und Aufmerksamkeit werde ich mir meines eigenen Leibes bewusst. Ich erlange eine bewusste, lebendige Präsenz im eigenen Leib. Ich fühle mich lebendig und verbunden. Die isolierte Selbstwahrnehmung weicht einem vernetzten, verbundenen Denken und Handeln. 

Bei den Tänzen des Lebens arbeiten wir ressourcenorientiert, mit dem, was schon an Ressourcen und Möglichkeiten da ist.

Der Fokus liegt nicht etwa auf dem, was fehlt, sondern auf dem, was an Schönheit und Potential vorhanden ist. Auf den Stärken, statt auf den Schwächen.

Wir verstehen Menschen nicht als Probleme, die auf eine Lösung warten, sondern sie wollen bloß evolutionär und organisch ihr Potential entfalten.

Wir arbeiten lösungsorientiert, anstatt problemorientiert.

Es gibt vor jeder Tanzeinheit (Vivencia) einen kurzen Gesprächskreis, den Tanz der Worte. Dort kann jeder aussprechen, was einen gerade beschäftigt und bewegt.

Das Tanzen, das darauf folgt, ist jedoch kein Bearbeiten eines sich im Tanz der Worte zeigenden Problems. Sondern es ist vielmehr eine Art Autopoiesis, ein Sichselbsthervorbringen der Bewegung, ganz organisch und leicht und wie von selbst darf sich dann vieles lösen.

Während des Tanzens und idealerweise auch danach wird nicht gesprochen, denn das würde bewerten und einen wieder auf die kognitive Ebene bringen.

Ich bemerke immer wieder, wie einzigartig die Begegnung über das Tanzen und die körperliche Berührung ist. Worte können schnell verletzend wirken, oder seltsam rüber kommen, und wenn man dann nicht davon abstrahiert, kann es eine Annäherung sehr erschweren. Doch die Begegnungen, die wir haben, haben eine ganz andere Dimension. Vieles darf sich dadurch transformieren, auflösen.

Es entsteht eine Art leichte Trance, ein veränderter Bewusstseinszustand, in dem sich alles, was da ist, zeigen und neu sortieren darf. Wir arbeiten bewusst mit dem Mittel der Regression, und zwar mit der sogenannten „regenerativen Regression“, der „Reprogession„. Hier leitet Lamia Zeremonien und Tänze an, die uns in einen veränderten Bewusstseinszustand führen,

„zu einem Zustand der Verschmelzung, zum Ursprünglichen, Präformalen, Chaotischen, zur Undifferenziertheit, zur Fusion mit dem kosmischen Ursprung allen Lebens“

(Lamia Kriener)

Der Tanz ist ein Experimentierfeld, innerhalb dessen eine Spielraumerweiterung möglich ist, eine alternative Welterfahrung.

Es ist gleichzeitig die Bühne, auf der sich der Tanzende zeigt.

Einzelne Tänze werden zur Konfrontation mit einer neuen Herausforderung. Manche Herausforderungen lassen die Tanzenden an ihre Grenzen stoßen. Sie werden von Gefühlen überwältigt, weinen, klinken sich aus der Gruppe aus, legen sich an den Rand, um nur bei sich zu sein, suchen das symbiotische Verschmelzen mit einer anderen Personen, werden albern, wählen konventionelle Tanzformen wie etwa das überschwängliche Drehen der anderen Person etc. All das kann passieren. Es ist Teil der Entwicklung eines jeden Tanzenden.

Dabei gibt es keine Möglichkeit, diese Entwicklung von Menschen zu forcieren oder zu beschleunigen. Man braucht viel Geduld, Verständnis und Respekt vor dem Erleben und den Möglichkeiten der anderen Person. Mitgefühl und Wertschätzung statt Verurteilung. Achtsamkeit und Wohlwollen.

Die Gruppe bietet den idealen Raum für diese Erfahrungen. Die Energie zwischen den Menschen in der Gruppe ist ganz wundervoll. Respektvoll, achtsam, Raum gebend.

Es gibt ein Gefühl von echter Gemeinschaft. Für mich ist das eine ganze wundervolle neue Erfahrung. Ich bin nicht allein mit meinem Prozess, sondern ich werde begleitet und gestützt!

Vor allem Übungen, wie das Sich-Anlehnen sitzend im Schoß einer anderen Person auf dem Boden, von ihr gehalten und gestützt zu sein, geben mir das so lange vermisste Gefühl von Gehaltensein, Halt, Geborgenheit, Schutz, Sicherheit, Ruhe. Dadurch kann ich mir jetzt das geben lassen, was mir als junge Erwachsene oft gefehlt hat.

Zeit ist relativ, alles ist gleichzeitig. Das ist das Konzept des Reparenting:

„Es ist niemals zu spät für eine glückliche Kindheit.“

Bei den Tänzen des Lebens geht es um das Wiedererwecken und den Ausdruck unserer vitalen, affektiven, sexuellen, kreativen und transzendenten Potentiale, um persönliche und gemeinschaftliche Entwicklung im geschützten Raum der Gruppe, um Tanz, um Begegnung, den Moment des Erlebens. Wir zeigen uns mit unseren Bewegungen und unserem Körper. Dahinter steht ein integratives, auf den körperlich-sinnlichen Ausdruck ausgerichtetes Konzept, das sich von therapeutischen Konzepten grundlegend unterscheidet.

Dennoch darf auch hier Heilung stattfinden: Das ganz natürliche, freie In-Bewegung-Sein sowie das Getragensein durch die Gruppe und die Unterstützung durch die Ermöglicherin führen dazu, dass ich mich während der Vivencias und kurz danach von meinem Körperpanzer befreien kann. Meine chronischen Schulter- und Nackenschmerzen gehen temporär weg. Ich fühle mich befreit, leicht, schwerelos. Der Tanz selbst ist dabei der Weg zur Heilung; diese findet also auf nonverbalem Weg statt.

Als besonders heilsam erlebe ich die gemeinsamen verlängerten Wochenenden und Wochen in der Eifel oder im Bergischen Land.

Bei den längeren Retreats im Sommer und Herbst auf dem Land wird das Erleben im Rahmen von Natur-Ritualen im Bezug zum Jahreskreis und den Schamanismus vertieft.

Hier, inmiten der Natur, ist es möglich, die 4 Elemente ganz direkt zu erleben.

Beim Tanzen spüre ich den Waldboden unter meinen Füßen. Ich verbinde mich mit der Erde, die ich unter meinen Füßen spüre.

Ich verbinde mich mit dem Himmel über mir, der in der Waldeslichtung sichtbar wird. Ich werde zum Falken, den ich über mir kreisen sehe, und imitiere sein Schweben und Fliegen.

Beim Tanzen im erfrischenden Regen erlebe ich Leichtigkeit und Ausgelassenheit.

Beim Tanz ums wärmende Feuer und beim gemeinsamen Singen am Feuer entsteht ein wundervolles Gemeinschaftsgefühl.

Ich erfahre Wärme, Freude, Genuss, Lachen. Ich bin ganz im Moment. Das Feuer und die Gemeinschaft nähren und wärmen mich.

Das Ritual der Schwitzhütte lässt mich die Natur ganz unmittelbar erfahren. Den nährenden Boden von Mutter Erde, die Glut des Feuers. Ich rieche die Kräuter und Harze, die Lamia auf die glühenden Steine wirft. Ich gebe meine Ängste und Sorgen, alle Schwere und Last, an Mutter Erde ab und spreche meine Wünsche für mich und meine Liebsten in die Dunkelheit des Zeltes hinein.

Diese Möglichkeit des Naturerlebens , das Spüren der direkten Verbindung zur inneren und zur äußeren Natur,  empfinde ich als ganz besonders wertvoll.

Während der Tanzwoche zu den 4 Elementen bekam jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin ein eigenes Ritual von Lamia geschenkt.

Ich durfte inmitten des großen Kreises aus allen SeminarteilnehmerInnen in der Mitte einen Tanz zur Verbindung mit dem Element Erde tanzen. Mit dem betörenden Duft feinsten bulgarischen Rosenöls in der Nase, begleitet von rhythmischer Musik, begab ich mich langsam auf den Boden, um dort schrittweise immer mehr mit diesem zu verschmelzen.

Mein Tanz mit Mutter Erde war so schön, so sinnlich, so genussvoll. Ich habe die Festigkeit der Erde gespürt, und war doch ganz leicht und beweglich. Es war ein sanftes Getragensein. Ich fühlte mich geborgen. Und verbunden. Genährt. Und frei.

Dieses Gefühl möchte ich nun in meinem Alltag verankern. Über praktische Erfahrung, Erleben, über den Körper, das Körperwissen. Über Tanzen, Schütteln, die Nabhi Kriya aus dem Kundalini Yoga nach Yogi Bhajan, die Erd-Meditation von Rebecca Campbell, das Streicheln von Pferden, Barfußlaufen in der Natur.. eine spannende Herausforderung für mich!

Auch die Rituale der anderen Tanzenden waren sehr bewegend und haben mich sehr berührt. Der Seminarraum wurde zu einem geschützten Raum, in dem die Tanzenden für sie wichtige Entwicklungsschritte durchlaufen konnten.

Die Vivencias bei Lamia haben oft einen Bezug zum Ritual. Rituale geben als strukturierende Mittel Halt und Orientierung und können bei der Bewältigung komplexer lebensgestalterischer Aufgaben helfen. Ein Ritual

„stellt somit über profane Alltagsbedeutung hinausweisende Bedeutungs- oder Sinnzusammenhänge symbolisch dar, macht sie erfahrbar oder verweist auf sie.“ (Lamia Kriener)

Die Rituale in Lamias Vivencias sind zumeist eingebettet in das Erleben des Jahreskreises und schließen somit an die Tradition der Naturreligionen an.

Außerdem bezieht Lamia, wie zuvor auch schon Rolando Toro im Biodanza, in ihren Tänzen des Lebens auch die mytho-poetische Dimension in die Tänze ein. Oft erzählt sie Märchen und Mythen, sie bezieht die Archetypen aus dem kollektiven Unbewussten (nach C.G. Jung) ein und lehrt uns archetypische und generierende Haltungen.

In den Vivencias fühle ich mich lebendig, im Einklang mit allem, was da ist, was sich zeigen will, ich habe das Gefühl, das alles da sein darf. Ich kann mich zeigen, wie ich bin, ganz authentisch. Im Tanzen habe ich eine Ausdrucksform gefunden, die mir neue Möglichkeiten eröffnet. In der Gruppe fühle ich mich im Entdecken dieser Möglichkeiten begleitet.

Allgemein #Business #New Work #Selbstorganisation

Selbstorganisation – das Lebendige in die Wirtschaft integrieren

Der Wandel vom mechanistischen zum ganzheitlichen Welt- und Menschenbild

Wir befinden uns inmitten eines Paradigmenwechsels: Längst scheinen die mechanistischen Leitbilder des Industriezeitalters veraltet zu sein und ein neues ganzheitliches und ökologisches Paradigma ist im Begriff zu entstehen.

Eine Wirtschaft, in der Effizienzsteigerung, Beschleunigung, Gewinnmaximierung, stetes Wachstum und Profit im Fokus steht, stößt immer mehr an die Grenzen des Wachstums. Das alte Denkmodell der maximalen Ausbeutung der inneren und äußeren Ressourcen,  das „mindset of maximum “me”— maximum material consumption, bigger is better, and special-interest-group-driven decision-making“, wie es Otto Scharmer nennt, ist an sein Ende gekommen.

Die Signale dafür, dass wir nicht mehr so weiter machen können wie bisher, häufen sich: der brennende Amazonas, das Aussterben bedrohter Tierarten, das Sterben von Meerestieren durch Plastikmüll, das Schmelzen von Gletschern, Finanzkrisen, Wirtschaftsskandale, Burnout und Boreout, Mitarbeiter, die bereits die innere Kündigung eingereicht haben….

Ein Umdenken ist dringend erforderlich. Natürliche Rhythmen, natürliche Grenzen, organisches Wachstum, Nachhaltigkeit und Umweltschutz sind die neuen Richtwerte. Der Wirtschaftsphilosoph Frederic Laloux bezeichnet das kommende Leitbild in seinem Grundlagenwerk zur integralen Organisationsentwicklung „Reinventing Organizations“ als das „integrale evolutionäre Paradigma“. Es geht dabei um die Überwindung des Ego, der Trennung, und den Wandel hin zu einer ganzheitlichen Betrachtung unserer Gesellschaft und unserer Wirtschaft, den Wandel „from ego to ecosystems“ (Otto Scharmer).

Von der „Unternehmensmaschine“ zum lebendigen sozialen Organismus

Auch in der Arbeitswelt zeichnet sich das kommende Paradigma bereits ab. Für immer mehr Unternehmen geht es auch um Sinn- statt um bloße Gewinnmaximierung. Sie begeben sich auf die Suche nach ihrem Purpose, dem, was sie antreibt und was sie ausmacht. Nährende Beziehungen, Ganzheitlichkeit und Gemeinschaft gewinnen auch im Unternehmenskontext an Bedeutung und Ego-Spiele werden immer weniger ernstgenommen.

Diese Entwicklungen sind nicht nur wünschenswert, sondern angesichts der Veränderungen unserer Lebens- und Arbeitswelt notwendig.

Technologische Entwicklungen (Digitalisierung, Plattformökonomie) und soziale Innovationen verändern unsere Arbeitswelt in einem atemberaubenden Tempo.

Es ist unklar, wie die Welt in 5 Jahren aussehen wird. Daraus ergibt sich, dass Geschäftsentwicklungen  immer weniger vorhersehbar und weniger planbar werden und detaillierte Analysen und langfristige Planung im Unternehmensalltag immer weniger funktionieren. Eine Kultur der 5-Jahrespläne, des klassischen Projektmanagements und des „Command and Control“ ist somit ein Relikt der Vergangenheit und nicht mehr hilfreich, um den Anforderungen der Zeit zu begegnen.

Unternehmen stehen jetzt vor der Herausforderung, sich neu zu organisieren, um sich dynamisch an eine sich immer schneller verändernde Welt anpassen zu können. Sowohl auf der Ebene der Organisation, im Führungsstil als auch in der inneren Haltung (Mindset) der im Unternehmen Mitwirkenden ergibt sich ein großer Veränderungsbedarf.

Der Weg von den Arbeitsweisen des Industriezeitalters zu denen im „New Work“, kann als Wandel vom früheren Idealbild einer gut geölten „Unternehmensmaschine“ hin zur Idee eines  lebendigen, sozialen Organismus, der von allen Akteuren bewusst gestaltet werden muss, beschrieben werden. Als solcher kann das Unternehmen schneller und flexibler auf Veränderungen reagieren und das Chaotische, das Kreative, das Schöpferische, das sich frei Entfaltende und Entwickelnde, kurz: das Lebendige kann immer mehr in unsere Wirtschaft integriert werden.

„Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können“

 

(Friedrich Nietzsche)

Selbstorganisation: evolutionäre und organische Entwicklung

Es stellt sich nun die Frage, wie sich Unternehmen organisieren wollen, um mehr Flexibilität, Dynamik und Kreativität zu erreichen. Wie können die nötigen offenen Räume geschaffen werden, die die Mitarbeiter brauchen, um ihr kreatives und schöpferisches Potential frei entfalten zu können und im Team ein gelungenes Miteinander auf Augenhöhe zu erreichen, in dem Co-Creation im besten Sinne möglich wird?

Selbstorganisation ermöglicht eine evolutionäre und emergente Entwicklung der Beziehungen und Verbindungen zwischen den Mitgliedern einer Gemeinschaft, beispielsweise einer Organisation. Diese Entwicklungen vollziehen sich organisch so, dass die von ihnen verfolgten Ziele so gut und effizient wie möglich erreicht werden.

In vielen Unternehmen bilden sich selbstorganisierte Teams, die sich an Kreismodellen wie etwa Holacracy oder Soziokratie orientieren, um neue Rollenverständnisse zu schaffen, die sich von klassischen Hierarchien und dem veralteten Top-Down-Prinzip abgrenzen. Die Chance ist hier, dass Prozesse, Rollen und Verantwortungen für alle Mitglieder transparent gemacht werden können.

Wie funktioniert Selbstorganisation?

Wie kann man sich das konkret vorstellen? Entscheidungsfähigkeit und Macht werden auf Teams oder Projektgruppen verlagert. Die Verantwortung wird somit auf die Mitarbeiter, also die ausführende Ebene, delegiert.

Selbstorganisierte Teams haben neue Freiheiten, die auf der Ermächtigung, Beteiligung und Selbstregulation der einzelnen Individuen und Teams beruhen.

Aufgaben werden den Kompetenzen, Fähigkeiten und Interessen der einzelnen Mitarbeiter entsprechend untereinander selbstgesteuert aufgeteilt und es wird sich permanent miteinander abgestimmt. Anstatt an starren der job description entnommenen Rollenverteilungen festzuhalten, darf sich jeder im Unternehmen Mitwirkende immer wieder auch in andere Bereiche bewegen.

Die Selbstwirksamkeit der Mitarbeitenden wird gestärkt, indem sie die Chance bekommen, sich über neu angeeignete Kompetenzen und Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Die gestärkte Selbstwirksamkeit ermutigt die im Unternehmen Mitwirkenden dazu, sich mit ihren Talenten und Fähigkeiten, ihrem ganzen Potential einzubringen und es kann damit ein immenser Kreativitätsschub ausgelöst werden. Darüber hinaus ist das Gefühl der Selbstwirksamkeit auch ein machtvoller Schutzfaktor gegen Gefühle des Ausgebranntseins und der Sinnlosigkeit, die sonst leicht ins Burnout oder Boreout führen könnten und damit eine Ressource im Bereich der psychischen Gesundheit und der Stressresilienz.

Wissen und Können wird im integralen evolutionären Unternehmen in und unter den Teams geteilt, sodass auf kollektiver Ebener Synergieeffekte realisiert werden. Die Team-Mitglieder befruchten sich gegenseitig mit neuen Ideen und Lösungsvorschlägen, jeder bringt seine ganz eigenen Fähigkeiten und Talente und sein spezifisches Wissen und Können ein. Die kollektive Intelligenz, die sogenannte Schwarmintelligenz, ist der einzelnen Führungskraft überlegen.

Von großem Vorteil ist es deshalb, wenn die Teams nicht homogen zusammengesetzt sind, sondern wenn eine möglichst große Vielfalt an unterschiedlichen Charakteren mit verschiedenem Hintgrund zusammenkommt. Diversity gewinnt zunehmend an Bedeutung.

Um das Zusammenwirken im Team zu ermöglichen, bedarf es dabei einer steten Abstimmung im Team. Hier sind kommunikative Kompetenzen gefragt.

Durch die Schaffung einer neuen, offeneren Kommunikationskultur im Unternehmen werden Mitarbeiter in die Lage versetzt, durch freies Denken („thinking outside the box“) Bestehendes zu hinterfragen, neue Lösungen und Wege zu finden und Innovationen zu schaffen.

Eigenverantwortung braucht Selbstführung

Die Mitarbeiter gewinnen an Autonomie, Selbstbestimmung, Handlungsmacht, Selbstständigkeit, Mitbestimmungsrecht und Freiheit.

Gleichzeitig steigt die Verantwortung eines jeden Einzelnen, denn er ist nun unmittelbar am Erfolg oder Scheitern seines Projektes beteiligt.

Die größere Eigenverantwortung des Einzelnen verlangt nach Selbstführung. Wichtig ist hier die Fähigkeit, Grenzen zu ziehen, und sich nur das zuzumuten, was machbar ist. Dazu wiederum bedarf es der Fähigkeit der Selbstreflexion, der Bereitschaft zur permanenten Revision der eigenen und der kollektiv überlieferten Überzeugungen im Hinblick auf das praktische Handeln.

Unterstützend wirken hier die „Technologien des Selbst“ (Michel Foucault) jene Operationen, die die Individuen mit sich selbst, „mit ihren eigenen Körpern, mit ihren eigenen Seelen“ vollziehen, um ihre Existenz zu gestalten „und einen bestimmten Zustand von Vollkommenheit, Glück, Reinheit, übernatürliche Kraft“ zu erlangen.

Nicht selten wird in der Mittagspause Yoga oder Tai Chi praktiziert. In Teams werden Übungen zur Steigerung der Achtsamkeit durchgeführt, wie etwa Meditationen, Atemübungen oder Deep Listening. Journaling kann darüber hinaus die Selbstreflexion unterstützen.

Auf individueller Ebene und im Team kann somit ein produktiver Umgang mit den neuen Herausforderungen gefunden werden.

Die neuen Fähigkeiten zur Selbstführung und die Methoden und Übungen zur Steigerung der Achtsamkeit dürfen jedoch nicht instrumentalisiert werden, um im klassisch organisierten Unternehmen alle Verantwortung dem Einzelnen zuzuschieben und den Selbstoptimierungsdruck zu erhöhen, sondern sie müssen stets vor dem Hintergrund einer grundlegend anderen Form der Organisation von Arbeit verstanden werden.

Selbstorganisation bedeutet nicht Laissez-Faire

Selbstorganisation ist nicht mit Laissez-Faire und mit völliger Freiheit von Führung gleichzusetzen.

In einer Laissez-Faire-Unternehmenskultur kommt es sehr schnell zu Unzufriedenheit auf allen Seiten, denn es gibt keine klar kommunizierten Erwartungshaltungen. Die Mitarbeiter haben das Gefühl, nicht geführt und bei ihren Vorhaben nicht unterstützt zu werden.

Der Unternehmensberater Boris Gloger schreibt in seinem Buch „Selbstorganisation braucht Führung“, dass Führung als koordinierende und unterstützende Instanz fungieren muss:

„Es ist ein Klischee, dass Scrum und andere agile Managementmethoden funktionieren, wenn man Teams einfach sich selbst überlässt.“

Um gute Konditionen für Selbstermächtigung und Empowerment zu schaffen, braucht es klare Führung.

Leadership bedeutet den Raum zu halten

Führung ist in selbstorganisierten Teams vielleicht eine noch größere Herausforderung als zuvor, da die Führenden den einzelnen Team-Mitgliedern jetzt als Coach begleitend und unterstützend zur Seite stehen müssen. Sie müssen die Rahmenbedingungen schaffen, damit die Kollegen sich gut aufgehoben und wirksam fühlen können.

Jeder Mitarbeiter muss die Möglichkeit haben, sein individuelles Potential entfalten zu können. Darin muss er unterstützt werden und es muss der Raum dafür da sein.

Die Führungskräfte stehen vor der Aufgabe, ihr Team beim Prozess der Selbstermächtigung zu unterstützen, ihm sozusagen den Raum zu halten.  Otto Scharmer bezeichnet das als „blank canvas dimension of leadership“:

„I am facilitating the opening process so my team can sense and seize emerging opportunities as they arise from the fast paced business environment we are operating in. “

Man kann sich diese neue Rolle der Führungskraft ungefähr so vorstellen wie die einer Dirigentin, die ein Orchester dirigiert. Dieses Bild verwendet auch Svenja Hofert, die in ihrem Buch „Agiler führen“ schreibt, die Aufgabe eines Dirigenten sei es

„die Kraft seiner Musiker auf[zu]nehmen und zusammen[zu]führen, lebendig, im Moment, aufeinander eingehend.“

Vom Ich zum Wir: Beziehungspflege in Zeiten der Digitalisierung

Um eine möglichst harmonische Melodie zu erreichen, müssen die einzelnen Mitglieder des Orchesters einander zuhören. So ist es auch in den selbstorganisierten Teams.  Gerade in Zeiten der Digitalisierung, in vernetzten Teams, mit Remote Work, Home Office und verteilten Teams, gewinnt die Beziehungspflege an Bedeutung. Das Fundament gelingender Beziehungen ist das gegenseitige Zuhören. Deep Listening ermöglicht die Lenkung der Aufmerksamkeit von mir zum anderen, vom Ich zum Wir.

Co-Creation: Gemeinsam schöpferisch tätig sein

In selbstorganisierten Teams wird das Zuhören noch durch den der Faktor der Kreativität, des Schöpferischen, des freien Improvisierens ergänzt, sodass man hier vielleicht eher an ein Jazz-Ensemble, das frei improvisiert, als ein klassisches Orchester denken mag. Man hört nicht nur passiv zu, sondern nimmt das Gehörte auf, spielt damit, kreeirt etwas Eigenes, um dann wieder Raum für den Anderen zu machen. So entsteht Co-Creation. Es ist ein dynamisches und lebendiges Wechselspiel aus dem Aufnehmen, dessen, was an Impulsen von anderen und von der Situation kommt, und dem Reingeben eigener Impulse und Ideen. Die innere Gestaltbarkeit der Prozesse in selbstorganisierten Teams wird immer wieder ergänzt durch die Offenheit für Impulse von außen, aus dem Umfeld, aus der Gesellschaft, aus dem, was sich an Zukünftigem bereits erahnen lässt.

Arbeiten auf Augenhöhe – der Kern der Selbstorganisation

Im Mindset jedes Einzelnen muss eine große Veränderung stattfinden, damit wir einander als selbstbestimmte, gestaltungsfähige und selbstverantwortliche Subjekte begegnen. Das ist vielleicht die größte Herausforderung, doch ohne sie zu meistern, ist ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel und Arbeiten auf Augenhöhe nicht möglich, wie es Gerald Hüther in seinem Buch „Wie Träume wahr werden – Das Geheimnis der Potentialentfaltung“ beschreibt:

„Solange sich die Mitglieder einer Gemeinschaft gegenseitig zu Objekten ihrer Bewertungen, Erwartungen, Absichten, Ziele, Maßnahmen, Anordnungen etc. machen, ist die Entfaltung der in diesen Mitgliedern und in der betreffenden Gemeinschaft angelegten Potentiale nicht möglich. Dann findet kein Zusammenwirken auf Augenhöhe statt.“

Doch genau ein solches Zusammenwirken auf Augenhöhe ist der eigentliche Kern der Selbstorganisation. Es werden nicht mehr einfach nur Anweisungen von oben ausgeführt, sondern Abläufe selbst gewählt und Prioritäten selbst gesetzt. Ein gutes und aufmerksames Miteinander ist hier die Grundlage.

Innovationsfähigkeit durch Co-Creation

Auch wenn der Prozess des Wandels hin zur Selbstorganisation für manche Unternehmen herausforderungsvoll erscheinen mag, lohnt es sich, diesen Weg zu gehen.

Viele Teams in jungen Unternehmen wie etwa Unity Effect haben sich dafür entschieden, selbstorganisiert zu arbeiten und machen gute Erfahrung damit.

Selbstorganisation ermöglicht die kreative Entfaltung der Potentiale der Mitarbeiter durch Co-Creation in Teams, die auf Augenhöhe zusammen arbeiten. Dies steigert die Innovationsfähigkeit sowie die Anpassungsfähigkeit an stete Veränderungen in VUCA-Zeiten.

Große Unternehmen wie Buurtzorg, eine niederländische Organisation für häusliche Krankenpflege,  konnten durch die Einführung von Selbstorganisation nicht nur die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter und die Zufriedenheit der Kunden steigern und die Kosten für die mobile Krankenpflege senken, sondern auch ihren Umsatz signifikant steigern.

Literaturtipps:

Michel Foucault: Ästhetik der Existenz. Schriften zur Lebenskunst. Berlin: Suhrkamp 2007.

Boris Gloger: Selbstorganisation braucht Führung. Die einfachen Geheimnisse agilen Managements. München: Carl Hanser Verlag 2014.

Svenja Hofert: Agiler führen. Einfache Maßnahmen für bessere Teamarbeit, mehr Leistung und höhere Kreativität. Wiesbaden: Springer Gabler 2016.

Gerald Hüther: Wie Träume wahr werden – Das Geheimnis der Potenzialentfaltung. München: Goldmann 2018.

Frederic Laloux: Reinventing Organizations. EIn Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit. München: Vahlen 2015.

Bernd Oestereich und Claudia Schröder: Das kollegial geführte Unternehmen: Ideen und Praktiken für die agile Organisation von morgen. München: Vahlen 2017.

Otto Scharmer: Theory U: Leading from the Future as It Emerges. Oakland: Berrett-Koehler Publishers 2013.