Allgemein #Business #New Work #Selbstorganisation

Selbstorganisation – das Lebendige in die Wirtschaft integrieren

Der Wandel vom mechanistischen zum ganzheitlichen Welt- und Menschenbild

Wir befinden uns inmitten eines Paradigmenwechsels: Längst scheinen die mechanistischen Leitbilder des Industriezeitalters veraltet zu sein und ein neues ganzheitliches und ökologisches Paradigma ist im Begriff zu entstehen.

Eine Wirtschaft, in der Effizienzsteigerung, Beschleunigung, Gewinnmaximierung, stetes Wachstum und Profit im Fokus steht, stößt immer mehr an die Grenzen des Wachstums. Das alte Denkmodell der maximalen Ausbeutung der inneren und äußeren Ressourcen,  das „mindset of maximum “me”— maximum material consumption, bigger is better, and special-interest-group-driven decision-making“, wie es Otto Scharmer nennt, ist an sein Ende gekommen.

Die Signale dafür, dass wir nicht mehr so weiter machen können wie bisher, häufen sich: der brennende Amazonas, das Aussterben bedrohter Tierarten, das Sterben von Meerestieren durch Plastikmüll, das Schmelzen von Gletschern, Finanzkrisen, Wirtschaftsskandale, Burnout und Boreout, Mitarbeiter, die bereits die innere Kündigung eingereicht haben….

Ein Umdenken ist dringend erforderlich. Natürliche Rhythmen, natürliche Grenzen, organisches Wachstum, Nachhaltigkeit und Umweltschutz sind die neuen Richtwerte. Der Wirtschaftsphilosoph Frederic Laloux bezeichnet das kommende Leitbild in seinem Grundlagenwerk zur integralen Organisationsentwicklung „Reinventing Organizations“ als das „integrale evolutionäre Paradigma“. Es geht dabei um die Überwindung des Ego, der Trennung, und den Wandel hin zu einer ganzheitlichen Betrachtung unserer Gesellschaft und unserer Wirtschaft, den Wandel „from ego to ecosystems“ (Otto Scharmer).

Von der „Unternehmensmaschine“ zum lebendigen sozialen Organismus

Auch in der Arbeitswelt zeichnet sich das kommende Paradigma bereits ab. Für immer mehr Unternehmen geht es auch um Sinn- statt um bloße Gewinnmaximierung. Sie begeben sich auf die Suche nach ihrem Purpose, dem, was sie antreibt und was sie ausmacht. Nährende Beziehungen, Ganzheitlichkeit und Gemeinschaft gewinnen auch im Unternehmenskontext an Bedeutung und Ego-Spiele werden immer weniger ernstgenommen.

Diese Entwicklungen sind nicht nur wünschenswert, sondern angesichts der Veränderungen unserer Lebens- und Arbeitswelt notwendig.

Technologische Entwicklungen (Digitalisierung, Plattformökonomie) und soziale Innovationen verändern unsere Arbeitswelt in einem atemberaubenden Tempo.

Es ist unklar, wie die Welt in 5 Jahren aussehen wird. Daraus ergibt sich, dass Geschäftsentwicklungen  immer weniger vorhersehbar und weniger planbar werden und detaillierte Analysen und langfristige Planung im Unternehmensalltag immer weniger funktionieren. Eine Kultur der 5-Jahrespläne, des klassischen Projektmanagements und des „Command and Control“ ist somit ein Relikt der Vergangenheit und nicht mehr hilfreich, um den Anforderungen der Zeit zu begegnen.

Unternehmen stehen jetzt vor der Herausforderung, sich neu zu organisieren, um sich dynamisch an eine sich immer schneller verändernde Welt anpassen zu können. Sowohl auf der Ebene der Organisation, im Führungsstil als auch in der inneren Haltung (Mindset) der im Unternehmen Mitwirkenden ergibt sich ein großer Veränderungsbedarf.

Der Weg von den Arbeitsweisen des Industriezeitalters zu denen im „New Work“, kann als Wandel vom früheren Idealbild einer gut geölten „Unternehmensmaschine“ hin zur Idee eines  lebendigen, sozialen Organismus, der von allen Akteuren bewusst gestaltet werden muss, beschrieben werden. Als solcher kann das Unternehmen schneller und flexibler auf Veränderungen reagieren und das Chaotische, das Kreative, das Schöpferische, das sich frei Entfaltende und Entwickelnde, kurz: das Lebendige kann immer mehr in unsere Wirtschaft integriert werden.

„Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können“

 

(Friedrich Nietzsche)

Selbstorganisation: evolutionäre und organische Entwicklung

Es stellt sich nun die Frage, wie sich Unternehmen organisieren wollen, um mehr Flexibilität, Dynamik und Kreativität zu erreichen. Wie können die nötigen offenen Räume geschaffen werden, die die Mitarbeiter brauchen, um ihr kreatives und schöpferisches Potential frei entfalten zu können und im Team ein gelungenes Miteinander auf Augenhöhe zu erreichen, in dem Co-Creation im besten Sinne möglich wird?

Selbstorganisation ermöglicht eine evolutionäre und emergente Entwicklung der Beziehungen und Verbindungen zwischen den Mitgliedern einer Gemeinschaft, beispielsweise einer Organisation. Diese Entwicklungen vollziehen sich organisch so, dass die von ihnen verfolgten Ziele so gut und effizient wie möglich erreicht werden.

In vielen Unternehmen bilden sich selbstorganisierte Teams, die sich an Kreismodellen wie etwa Holacracy oder Soziokratie orientieren, um neue Rollenverständnisse zu schaffen, die sich von klassischen Hierarchien und dem veralteten Top-Down-Prinzip abgrenzen. Die Chance ist hier, dass Prozesse, Rollen und Verantwortungen für alle Mitglieder transparent gemacht werden können.

Wie funktioniert Selbstorganisation?

Wie kann man sich das konkret vorstellen? Entscheidungsfähigkeit und Macht werden auf Teams oder Projektgruppen verlagert. Die Verantwortung wird somit auf die Mitarbeiter, also die ausführende Ebene, delegiert.

Selbstorganisierte Teams haben neue Freiheiten, die auf der Ermächtigung, Beteiligung und Selbstregulation der einzelnen Individuen und Teams beruhen.

Aufgaben werden den Kompetenzen, Fähigkeiten und Interessen der einzelnen Mitarbeiter entsprechend untereinander selbstgesteuert aufgeteilt und es wird sich permanent miteinander abgestimmt. Anstatt an starren der job description entnommenen Rollenverteilungen festzuhalten, darf sich jeder im Unternehmen Mitwirkende immer wieder auch in andere Bereiche bewegen.

Die Selbstwirksamkeit der Mitarbeitenden wird gestärkt, indem sie die Chance bekommen, sich über neu angeeignete Kompetenzen und Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Die gestärkte Selbstwirksamkeit ermutigt die im Unternehmen Mitwirkenden dazu, sich mit ihren Talenten und Fähigkeiten, ihrem ganzen Potential einzubringen und es kann damit ein immenser Kreativitätsschub ausgelöst werden. Darüber hinaus ist das Gefühl der Selbstwirksamkeit auch ein machtvoller Schutzfaktor gegen Gefühle des Ausgebranntseins und der Sinnlosigkeit, die sonst leicht ins Burnout oder Boreout führen könnten und damit eine Ressource im Bereich der psychischen Gesundheit und der Stressresilienz.

Wissen und Können wird im integralen evolutionären Unternehmen in und unter den Teams geteilt, sodass auf kollektiver Ebener Synergieeffekte realisiert werden. Die Team-Mitglieder befruchten sich gegenseitig mit neuen Ideen und Lösungsvorschlägen, jeder bringt seine ganz eigenen Fähigkeiten und Talente und sein spezifisches Wissen und Können ein. Die kollektive Intelligenz, die sogenannte Schwarmintelligenz, ist der einzelnen Führungskraft überlegen.

Von großem Vorteil ist es deshalb, wenn die Teams nicht homogen zusammengesetzt sind, sondern wenn eine möglichst große Vielfalt an unterschiedlichen Charakteren mit verschiedenem Hintgrund zusammenkommt. Diversity gewinnt zunehmend an Bedeutung.

Um das Zusammenwirken im Team zu ermöglichen, bedarf es dabei einer steten Abstimmung im Team. Hier sind kommunikative Kompetenzen gefragt.

Durch die Schaffung einer neuen, offeneren Kommunikationskultur im Unternehmen werden Mitarbeiter in die Lage versetzt, durch freies Denken („thinking outside the box“) Bestehendes zu hinterfragen, neue Lösungen und Wege zu finden und Innovationen zu schaffen.

Eigenverantwortung braucht Selbstführung

Die Mitarbeiter gewinnen an Autonomie, Selbstbestimmung, Handlungsmacht, Selbstständigkeit, Mitbestimmungsrecht und Freiheit.

Gleichzeitig steigt die Verantwortung eines jeden Einzelnen, denn er ist nun unmittelbar am Erfolg oder Scheitern seines Projektes beteiligt.

Die größere Eigenverantwortung des Einzelnen verlangt nach Selbstführung. Wichtig ist hier die Fähigkeit, Grenzen zu ziehen, und sich nur das zuzumuten, was machbar ist. Dazu wiederum bedarf es der Fähigkeit der Selbstreflexion, der Bereitschaft zur permanenten Revision der eigenen und der kollektiv überlieferten Überzeugungen im Hinblick auf das praktische Handeln.

Unterstützend wirken hier die „Technologien des Selbst“ (Michel Foucault) jene Operationen, die die Individuen mit sich selbst, „mit ihren eigenen Körpern, mit ihren eigenen Seelen“ vollziehen, um ihre Existenz zu gestalten „und einen bestimmten Zustand von Vollkommenheit, Glück, Reinheit, übernatürliche Kraft“ zu erlangen.

Nicht selten wird in der Mittagspause Yoga oder Tai Chi praktiziert. In Teams werden Übungen zur Steigerung der Achtsamkeit durchgeführt, wie etwa Meditationen, Atemübungen oder Deep Listening. Journaling kann darüber hinaus die Selbstreflexion unterstützen.

Auf individueller Ebene und im Team kann somit ein produktiver Umgang mit den neuen Herausforderungen gefunden werden.

Die neuen Fähigkeiten zur Selbstführung und die Methoden und Übungen zur Steigerung der Achtsamkeit dürfen jedoch nicht instrumentalisiert werden, um im klassisch organisierten Unternehmen alle Verantwortung dem Einzelnen zuzuschieben und den Selbstoptimierungsdruck zu erhöhen, sondern sie müssen stets vor dem Hintergrund einer grundlegend anderen Form der Organisation von Arbeit verstanden werden.

Selbstorganisation bedeutet nicht Laissez-Faire

Selbstorganisation ist nicht mit Laissez-Faire und mit völliger Freiheit von Führung gleichzusetzen.

In einer Laissez-Faire-Unternehmenskultur kommt es sehr schnell zu Unzufriedenheit auf allen Seiten, denn es gibt keine klar kommunizierten Erwartungshaltungen. Die Mitarbeiter haben das Gefühl, nicht geführt und bei ihren Vorhaben nicht unterstützt zu werden.

Der Unternehmensberater Boris Gloger schreibt in seinem Buch „Selbstorganisation braucht Führung“, dass Führung als koordinierende und unterstützende Instanz fungieren muss:

„Es ist ein Klischee, dass Scrum und andere agile Managementmethoden funktionieren, wenn man Teams einfach sich selbst überlässt.“

Um gute Konditionen für Selbstermächtigung und Empowerment zu schaffen, braucht es klare Führung.

Leadership bedeutet den Raum zu halten

Führung ist in selbstorganisierten Teams vielleicht eine noch größere Herausforderung als zuvor, da die Führenden den einzelnen Team-Mitgliedern jetzt als Coach begleitend und unterstützend zur Seite stehen müssen. Sie müssen die Rahmenbedingungen schaffen, damit die Kollegen sich gut aufgehoben und wirksam fühlen können.

Jeder Mitarbeiter muss die Möglichkeit haben, sein individuelles Potential entfalten zu können. Darin muss er unterstützt werden und es muss der Raum dafür da sein.

Die Führungskräfte stehen vor der Aufgabe, ihr Team beim Prozess der Selbstermächtigung zu unterstützen, ihm sozusagen den Raum zu halten.  Otto Scharmer bezeichnet das als „blank canvas dimension of leadership“:

„I am facilitating the opening process so my team can sense and seize emerging opportunities as they arise from the fast paced business environment we are operating in. “

Man kann sich diese neue Rolle der Führungskraft ungefähr so vorstellen wie die einer Dirigentin, die ein Orchester dirigiert. Dieses Bild verwendet auch Svenja Hofert, die in ihrem Buch „Agiler führen“ schreibt, die Aufgabe eines Dirigenten sei es

„die Kraft seiner Musiker auf[zu]nehmen und zusammen[zu]führen, lebendig, im Moment, aufeinander eingehend.“

Vom Ich zum Wir: Beziehungspflege in Zeiten der Digitalisierung

Um eine möglichst harmonische Melodie zu erreichen, müssen die einzelnen Mitglieder des Orchesters einander zuhören. So ist es auch in den selbstorganisierten Teams.  Gerade in Zeiten der Digitalisierung, in vernetzten Teams, mit Remote Work, Home Office und verteilten Teams, gewinnt die Beziehungspflege an Bedeutung. Das Fundament gelingender Beziehungen ist das gegenseitige Zuhören. Deep Listening ermöglicht die Lenkung der Aufmerksamkeit von mir zum anderen, vom Ich zum Wir.

Co-Creation: Gemeinsam schöpferisch tätig sein

In selbstorganisierten Teams wird das Zuhören noch durch den der Faktor der Kreativität, des Schöpferischen, des freien Improvisierens ergänzt, sodass man hier vielleicht eher an ein Jazz-Ensemble, das frei improvisiert, als ein klassisches Orchester denken mag. Man hört nicht nur passiv zu, sondern nimmt das Gehörte auf, spielt damit, kreeirt etwas Eigenes, um dann wieder Raum für den Anderen zu machen. So entsteht Co-Creation. Es ist ein dynamisches und lebendiges Wechselspiel aus dem Aufnehmen, dessen, was an Impulsen von anderen und von der Situation kommt, und dem Reingeben eigener Impulse und Ideen. Die innere Gestaltbarkeit der Prozesse in selbstorganisierten Teams wird immer wieder ergänzt durch die Offenheit für Impulse von außen, aus dem Umfeld, aus der Gesellschaft, aus dem, was sich an Zukünftigem bereits erahnen lässt.

Arbeiten auf Augenhöhe – der Kern der Selbstorganisation

Im Mindset jedes Einzelnen muss eine große Veränderung stattfinden, damit wir einander als selbstbestimmte, gestaltungsfähige und selbstverantwortliche Subjekte begegnen. Das ist vielleicht die größte Herausforderung, doch ohne sie zu meistern, ist ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel und Arbeiten auf Augenhöhe nicht möglich, wie es Gerald Hüther in seinem Buch „Wie Träume wahr werden – Das Geheimnis der Potentialentfaltung“ beschreibt:

„Solange sich die Mitglieder einer Gemeinschaft gegenseitig zu Objekten ihrer Bewertungen, Erwartungen, Absichten, Ziele, Maßnahmen, Anordnungen etc. machen, ist die Entfaltung der in diesen Mitgliedern und in der betreffenden Gemeinschaft angelegten Potentiale nicht möglich. Dann findet kein Zusammenwirken auf Augenhöhe statt.“

Doch genau ein solches Zusammenwirken auf Augenhöhe ist der eigentliche Kern der Selbstorganisation. Es werden nicht mehr einfach nur Anweisungen von oben ausgeführt, sondern Abläufe selbst gewählt und Prioritäten selbst gesetzt. Ein gutes und aufmerksames Miteinander ist hier die Grundlage.

Innovationsfähigkeit durch Co-Creation

Auch wenn der Prozess des Wandels hin zur Selbstorganisation für manche Unternehmen herausforderungsvoll erscheinen mag, lohnt es sich, diesen Weg zu gehen.

Viele Teams in jungen Unternehmen wie etwa Unity Effect haben sich dafür entschieden, selbstorganisiert zu arbeiten und machen gute Erfahrung damit.

Selbstorganisation ermöglicht die kreative Entfaltung der Potentiale der Mitarbeiter durch Co-Creation in Teams, die auf Augenhöhe zusammen arbeiten. Dies steigert die Innovationsfähigkeit sowie die Anpassungsfähigkeit an stete Veränderungen in VUCA-Zeiten.

Große Unternehmen wie Buurtzorg, eine niederländische Organisation für häusliche Krankenpflege,  konnten durch die Einführung von Selbstorganisation nicht nur die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter und die Zufriedenheit der Kunden steigern und die Kosten für die mobile Krankenpflege senken, sondern auch ihren Umsatz signifikant steigern.

Literaturtipps:

Michel Foucault: Ästhetik der Existenz. Schriften zur Lebenskunst. Berlin: Suhrkamp 2007.

Boris Gloger: Selbstorganisation braucht Führung. Die einfachen Geheimnisse agilen Managements. München: Carl Hanser Verlag 2014.

Svenja Hofert: Agiler führen. Einfache Maßnahmen für bessere Teamarbeit, mehr Leistung und höhere Kreativität. Wiesbaden: Springer Gabler 2016.

Gerald Hüther: Wie Träume wahr werden – Das Geheimnis der Potenzialentfaltung. München: Goldmann 2018.

Frederic Laloux: Reinventing Organizations. EIn Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit. München: Vahlen 2015.

Bernd Oestereich und Claudia Schröder: Das kollegial geführte Unternehmen: Ideen und Praktiken für die agile Organisation von morgen. München: Vahlen 2017.

Otto Scharmer: Theory U: Leading from the Future as It Emerges. Oakland: Berrett-Koehler Publishers 2013.

 

 

Allgemein #Digitales

Digitalisierung und der freie Wille

In den 60er und 70er Jahren, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte, hatten Hippies und Aussteiger in den USA die Vision einer freien, offenen, hierarchiefreien und antiautoritären Gemeinschaft.

Verbundenheit und Vernetzung waren die zentralen Werte der amerikanischen Gegenkultur. Im Whole Earth Catalogue wurden alle Informationen gesammelt, die zum Erschaffen dieser neuen Gemeinschaft vonnöten waren. Damit war dieser Katalog ein analoger Vorläufer von Google und anderen Suchmaschinen.

Das Bild vom blauen Planten, zu jener Zeit erstmalig von Satelliten aufgenommen, stand damals symbolisch für das Versprechen einer miteinander verbundenen Menschheit.

Der Philosoph und Erfinder Buckminster Fuller entwickelte mit seinen geodätischen Kuppeln die passende Wohnform dazu.

Die Idee des Internets als utopischer Raum

Aus diesen Utopien einer kommenden Gemeinschaft und aus den Visionen einer miteinander überregional verbundenen und vernetzten Menschheit erwuchs die Idee des Internet.

In dieser Tradition wurde das Internet als eine Art utopischer Raum angesehen, der das Versprechen von Verbundenheit und Vernetzung einlösen könnte.

Für viele ist das Internet auch heute noch ein utopischer Raum. Das Internet, so Douglas Rushkoff,

„fosters communication, collaboration, sharing, helpfulness, and community“.

Kommunikation, Zusammenarbeit, Teilen, Einander-Helfen, Gemeinschaft – all dies ist Teil einer neuen, relationalen Subjektivität. Wir sind immer und überall miteinander verbunden. Es gibt im Netz immer jemanden, der antwortet.

Rückblick auf das analoge Zeitalter

Ganz anders war das noch in den frühen Nuller Jahren, als das Iphone noch nicht erfunden war und Smartphones noch nicht unseren Alltag dominierten.

Ich erinnere mich noch gut an diese Zeit meiner frühen Jugend, als ich gerade begann, mich für Philosophie zu interessieren. Es war keine gute Zeit für Nerds jeglicher Couleur, denn mit meinen Interessen war ich zu jener Zeit in der kleinen Stadt im Bergischen Land doch ziemlich allein, es gab kaum Austauschmöglichkeiten, und es blieb mir nichts anderes übrig, als mich in Büchern zu vergraben, bis ich dann irgendwann Philosophieseminare auf dem Venusberg in Bonn besuchen konnte, ganz analog.

Ich gehöre zur Generation Y,  die dann mit dem Erwachsenwerden in die Internetkultur hineinsozialisiert wurde.

Auf dem Weg in die Society 5.0 – das fünfte Zeitalter der Menschheitsgeschichte

Mittlerweile leben wir in einer Welt der allumfassenden Vernetzung. In Japan ist mittlerweile sogar die Rede vom „fünften Zeitalter der Menschheitsgeschichte“, der „Society 5.0“, die gerade im Begriff sei, auf die „Industrie 4.0“, die Vernetzung der Maschinen, zu folgen.

Das Internet und das Politische

Gewisse Verknüpfungen zwischen dem Gesellschaftlichen, dem Politischen und dem Internet gibt es seit der Entwicklung des Internets, das Ende der sechziger Jahre, im Rahmen des Kalten Krieges, vom US-amerikanischen Department of Defence entwickelt wurde, um eine vollständige, ununterbrochene Kommunikation zwischen allen militärischen Stützpunkten zu ermöglichen.

2011 spielte das Internet in Verbindung mit traditionellen Medien wie dem Fernsehen und Druckerzeugnissen eine wichtige Rolle während des Arabischen Frühlings. Facebook war hier ein wichtiges Medium zur Mobilisierung der Bevölkerung.

Twitter und YouTube dienten den Revolutionären zudem als Plattformen, um Informationen über Massenproteste um die Welt zu senden.

Wie die Digitalisierung unseren Alltag verändert

Das Internet wird zunehmend in unseren Alltag integriert.

Über Social-Media-Dienste können weltweit ohne zeitliche Verzögerung schnell und unkompliziert Text-, Sprach-, Bild- und Videonachrichten ausgetauscht werden. Mithilfe von Filehosting-Diensten wie Dropbox können wir auch größere Dateien ganz leicht anderen zugänglich machen. Collaboration Tools wie Slack vereinfachen die Kommunikation im Unternehmen. Software-Lösungen bieten Dokumentenmanagementsysteme, mit denen der Wissenstransfer im Unternehmen vereinfacht wird.

Geteiltes Wissen gilt als neues Ideal. Herrschaftswissen, das eifersüchtig gehütet wird, ist nicht mehr zeitgemäß.  Informationen sind frei zugänglich.

Individualisierte Dienstleistungen in der Plattformökonomie

Im Dienstleistungssektor ermöglicht die Digitalisierung bessere, individualisierte und den Kundenbedürfnissen angepasste Dienstleistungen. Plattformanbieter schaffen eine Infrastruktur, die es dem Kunden ermöglicht, Produkte und Dienstleistungen zu nutzen, ohne sich selbst erst eine Plattform aufbauen zu müssen. Die Wartung und Weiterentwicklung der Plattform obliegt ihrem Betreiber; der Kunde kann sich auf seine Kernkompetenzen konzentrieren. Durch die zunehmende Nutzung von Smartphones, sozialen Netzwerken und elektronischen Marktplätzen ist es via Plattform möglich, schnell und flexibel Produkte, Dienstleistungen – und sogar Arbeitende zu vermitteln:

Uber, das weltgrößte Taxi-Unternehmen, besitzt keine Fahrzeuge. Facebook, das weltweit größte Medium, produziert keine Inhalte. Alibaba, der wertvollste Händler der Welt, hat kein Inventar. Und Airbnb, der weltweit größte Zimmervermittler, besitzt keine Immobilie.“

Kollaborative Commons und Platform Cooperativism

Die Nutzung digitaler Technologien ermöglicht alternative Formen des Wirtschaftens, wie etwa die von Jeremy Rifkin so bezeichneten „kollaborativen Commons“, der Platform Cooperativism nach Trebor Scholz oder Niko Paechs Postwachstumsökonomie.

Das Ziel der Entwicklung solcher alternativen Wirtschaftsformen entspricht der unserem Studiengang Wirtschaft neu denken!“, zugrundliegenden Haltung. Es geht um die Frage, wie sozial gerechtes und ökologisch nachhaltiges Wirtschaften möglich ist.

Ein Wandel im Sinne einer Stärkung von Selbstbestimmung und sozialer Kooperation und der Abbau von unterdrückenden Hierarchien ermöglicht sozial gerechtes Wirtschaften. Eine nachhaltige Ökonomie richtet sich gegen das reine Effizienz- und Profitbestreben der Konzerne und gegen einen destruktiven Kapitalismus. Eine umweltfreundliche und gerechte Ökonomie soll gelebt werden.

Diese schönen Möglichkeiten der vernetzten Ökonomie sind aber bisher größtenteils noch Zukunftsmusik. Bisher wurden die Versprechen und Visionen der Internetpioniere gesamtgesellschaftlich noch nicht eingelöst und verwirklicht.

Zwar werden sie im Einzelnen schon gelebt, aber das große Ganze sieht leider noch ganz anders aus.

Wie uns die zunehmende Kommerzialisierung aller Lebensbereiche zu passiven, vereinzelten Konsumenten macht

Wie steht es etwa um das Versprechen eines Zugewinns an Freiheit und Autonomie? : Im digitalen Kapitalismus werden wir mehr und mehr zu passiven Konsumenten, anstatt zu  kritischen, aktiven Staatsbürgern, die die Gesellschaft und die Digitalisierung aktiv gestalten.

Obwohl wir eine unglaubliche Informationsfülle haben, treffen wir nicht immer informierte Entscheidungen. Oftmals lassen wir Algorithmen für uns entscheiden, was wir wahrnehmen.

Der freie Wille wird oft aus Bequemlichkeit abgegeben. Es ist z.B. sehr einfach, die Vorauswahl an Nachrichten von Google News zu überfliegen, anstatt diese selbst kuratieren zu müssen. Dank FB-Chronik muss man nicht mehr aktiv danach schauen, was die Freunde so machen. Online-Banking erspart einem den Weg zur Bank. Streaming-Dienste wie Netflix ermöglichen individualisierte Unterhaltung.

Es findet allerorten ein Nudging in Richtung eines privatisierten Konsumismus statt. Dies führt zu einer zunehmenden Kommerzialisierung aller Lebensbereiche sowie zu einer verstärkten Individualisierung und Vereinzelung. Unsere Entscheidungen und unser Verhalten werden durch Nudging und Gamification subtil beeinflusst: Die Lust am Spielen wird instrumentalisiert.

Man wird durch Wikipedia, YouTube, Facebook dazu verleitet, immer weiter zu klicken, um möglichst viele Werbeanzeigen wahrzunehmen. YouTube schlägt auch aktiv Videos vor: die Auswahl ist von vorneherein begrenzt: Autonomie? Fehlanzeige! Man ist nicht wirklich frei, wenn man nur die Wahl zwischen verschiedenen vorgegebenen Optionen hat.

Und doch erscheint uns die Grenzenlosigkeit der Wahl zwischen verschiedenen vorgegebenen Konsum-Optionen als ungeheuer verführerisch.

Die Schönheit und der Glanz der Produkte, der Smartphones und Tablets, der Apps, der Plattformen, der Bilder und der Videos, ziehen uns in ihren Bann. Die Werbeästhetik passt sich immer mehr unserem Begehren an.

Feedback-Mechanismen durch Social Media ermöglichen es, dass die Produkte immer stärker unseren Wünschen und Vorstellungen entsprechen.

Der Berliner Philosoph Byung-Chul Han mahnt hier zur Vorsicht:

„Im neoliberalen Herrschaftssystem ist die systemerhaltende Macht nicht mehr repressiv, sondern seduktiv, das heißt, verführend. Ihre besondere Effizienz rührt daher, dass sie nicht durch Verbot und Entzug, sondern durch Gefallen und Erfüllen wirkt. Statt Menschen gefügig zu machen, versucht sie, sie abhängig zu machen.“

Müssen wir vor unserem grenzenlosen Wünschen und Begehren geschützt werden?

Sind wir der manipulativen Kraft der Verleitung zum Konsum schutzlos ausgeliefert?

Sind wir noch autonom und frei, wenn wir permanent Nudging und Manipulationen ausgeliefert sind?

“Protect me, from what I want!”

Gigworker, Cloudworker, Crowdworker

Nicht nur der Grad der Autonomie und Freiheit der Konsumenten ist kritisch zu betrachten, sondern auch derjenige der im digitalen Kapitalismus Arbeitenden:

In den USA verdrängen Plattform-Unternehmen wie Uber und Airbnb traditionelle Geschäftsmodelle, indem sie „kreativ“ mit bestehenden Gesetzesvorschriften und Industrienormen umgehen. Nicht selten untergraben die Plattformanbieter zudem das Arbeitsrecht. Diejenigen, die über die Plattform vermittelt werden und ihre Arbeitsleistung einbringen, arbeiten ohne Tariflohn, ohne Arbeits- und Gesundheitsschutz. Statt der herkömmlichen Angestellten mit Festvertrag dominieren Gigworker, Cloudworker und Crowdworker die Plattform-Ökonomie.

In Deutschland stellen sich die Gewerkschaften gegenüber diesen Entwicklungen noch quer, denn sie befürchten, dass damit unsere Standards hinsichtlich des Arbeitsrechts relativiert werden könnten. Doch wie lange können diese innerhalb eines internationalen Wettbewerbs noch aufrechterhalten werden?

Konzentration, Kontrolle, Macht

Der ursprünglich altruistische Gedanke hinter der Sharing Economy und anderen alternativ-ökonomischen Ansätzen geht mehr und mehr verloren und macht einer um sich greifenden Kommerzialisierung Platz.

Das Soziale wird zum Produkt.

Wir sehen marktförmige Beziehungen zwischen Gütern und Dienstleistungen, wo es sich eigentlich um Beziehungen zwischen Menschen handelt.

Anstelle zivilgesellschaftlicher und partizipativer Interessen dominieren den „Kampf ums Internet“ (Friedrich Krotz 2015) Technikentwicklung und ökonomische Interessen.

Die wichtigsten Entwicklungstendenzen des (kommerziellen) Internets sind dementsprechend Konzentration, Kontrolle und Macht, wie Ulrich Dolata in seiner Studie „Märkte und Macht der Internetkonzerne“ (2014) bemerkt.

Dezentralisierung, Demokratisierung und Kooperation geraten demgegenüber ins Hintertreffen.

Die Konzentration von Macht bringt hier neue Möglichkeiten der Kontrolle durch die Konzerne mit sich:

„Die fünf untersuchten Konzerne […] regeln als Betreiber der zentralen Infrastrukturen auch die Zugänge zum Netz, strukturieren die Kommunikationsmöglichkeiten der Nutzer und sind wesentliche Treiber des Innovationsprozesses.“,

so Ulrich Dolata.

Es bilden sich Monopole, die einer selbstbestimmten Vernetzung im Wege stehen. Giganten wie Facebook und Google wirken alternativlos. Was sie mit unseren Daten machen, was sie löschen, worauf ihre Algorithmen basieren, wie sie aufgebaut sind, – all das ist außerhalb unserer Kontrolle.

„Algorithms are opinions embedded in code.“

Mangelnde Transparenz und mangelnde informationelle Selbstbestimmung werden im digitalen Zeitalter zum Problem. So können wir etwa die Art und Weise, wie Algorithmen Suchergebnisse liefern, weder einsehen noch beeinflussen.

Dabei repräsentieren Algorithmen die Werte ihrer Programmierer und reproduzieren Vorurteile. Die Mathematikerin Cathy O‘ Neil brachte es auf den Punkt als sie sagte: „Algorithms are opinions embedded in code.“  Ohne einen Einblick darin zu haben, wie welche Algorithmen funktionieren, sind wir fremdbestimmt.

Die Nutzer sollten die Möglichkeit haben, die Kriterien (wie zum Beispiel Alter, Wohnort, Nutzungsmuster, Präferenzen) zu ändern, nach denen ihnen Informationen zur Verfügung gestellt werden.

Techno-Governance statt soziale Innovationen

Die großen Konzerne wie etwa Google und Facebook orientieren sich mehr am kurzfristigen Profit, als an der Ausgestaltung langfristig angelegter gesellschaftlicher Entwicklungen im Sinne des Gemeinwohls.

Ihnen sollten wir nicht die Gestaltung des digitalen Lebens überlassen.

Was dabei rauskommt kann man nämlich gut im Silicon Valley beobachten. Dort werden immer wieder technologische Lösungen für soziale Probleme entwickelt. Die „Techno-Governance“, wie der Medienwissenschaftler Geert Lovink sie nennt, schlägt etwa Lösungen „gegen die Erderwärmung und Ebola, für effiziente Nahrungsverteilung und andere noble Anliegen“ vor.

Doch statt um soziale Innovationen geht es dabei um individualistische Lösungen komplexer Probleme:

„Ausgerüstet mit leistungsfähiger ‚Self-Tracking‘-Technik, besiegt die Menschheit endlich Fettleibigkeit, Schlaflosigkeit und den Klimawandel, denn jeder isst weniger, schläft besser und verbraucht Ressourcen verantwortungsvoller. Auch die Zuverlässigkeit des menschlichen Gedächtnisses ist behoben, denn dieselbe Self-Tracking-Technik speichert und archiviert alles, was wir tun. Autoschlüssel, Gesichter, beiläufige Informationen: Wir vergessen nichts mehr.“

Individuelle Lösungen statt gesellschaftlicher Veränderung

Evgeny Morozov beobachtet, wie im Valley stets individuelle Lösungen einer gesellschaftlichen Veränderung vorgezogen werden.

Man ist dazu aufgefordert, Probleme wie etwa Übergewichtigkeit, für sich selbst zu lösen, indem man Beobachtungs- und Kontrollgeräte oder -Apps verwendet, die das eigene Verhalten beobachten, kontrollieren, analysieren, um es dann entsprechend zu ändern.

Die gesellschaftliche Lösung, also zum Beispiel die „Macht von McDonald’s oder anderen Nahrungsmittelkonzernen einzuschränken, die wahrscheinlich mit den Ursachen von Übergewichtigkeit deutlich mehr zu tun haben“, kommt gar nicht erst in den Blick – und sie ist natürlich auch nicht erwünscht. Willkommen in der Corporate Society.

Wirtschaftlicher Fortschritt, sozialer Stillstand

Richard Barbrook spricht in diesem Kontext von einem „reaktionären Modernismus“, bestimmt durch wirtschaftlichen Fortschritt und sozialen Stillstand („economic progress and social immobility“).

Noch befinden wir uns in einer offenen Situation, in der der Raum des Sozialen in die eine oder andere Richtung gestaltbar ist.

Fatalismus ist da nicht angebracht, auch wenn so manche, die einst euphorisch die Möglichkeiten des Internets lobten, mittlerweile ziemlich desillusioniert sind.

Gelingt es uns, eine sozial gerechte und ökologisch nachhaltige digitale Ökonomie gemeinsam nach unseren Wünschen und Bedürfnissen zu gestalten?

Oder führt die immer stärkere Machtkonzentration zu geschlossenen Systemen, in denen unser Einfluss, unsere Autonomie, unsere Selbstbestimmung, unsere Freiheit und unser freier Wille immer geringer werden?

Das Durchdenken verschiedener Entwicklungsmöglichkeiten in der spekulativen Fiktion

In Sachbüchern sowie in dystopischen Romanen der Gegenwart werden Szenarien imaginiert, die aufzeigen, was passieren könnte, wenn wir uns die Freiheit, unsere Gesellschaft so zu gestalten, wie wir es wollen, aus der Hand nehmen lassen. Verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten der heutigen Welt werden in der spekulativen Fiktion auf ihre Vernünftigkeit überprüft.

Ein düsteres Zukunftsszenario zeichnet etwa Yuval Noah Harari in „Homo Deus“. Er geht davon aus, dass humanistische Werte und Begriffe wie der des Subjekts, des Individuums, der Seele, des freien Willens angesichts einer durchtechnologisierten Welt obsolet werden:

„Die Menschen werden sich nicht mehr als autonome Wesen betrachten, die ihr Leben entsprechend den eigenen Wünschen führen, sondern viel eher als eine Ansammlung biochemischer Mechanismen, die von einem Netzwerk elektronischer Algorithmen ständig überwacht und gelenkt werden.“

In ihrem philosophischen Roman „Corpus Delicti. Ein Prozess“ fabuliert Juli Zeh diesen Gedanke der absoluten Kontrolle über den Einzelnen in Form einer analytischen Erzählung aus:

Die „METHODE“ ein allumfassendes Körper-Kontroll-System, versucht in der von Zeh imaginierten Gesellschaft, alle Handlungen zu verbieten, die den Körper in irgendeiner Art und Weise schädigen könnten.

Krankheit, Schmerz und Leid werden tabuisiert und aus der Gemeinschaft verbannt.

Sport, gesunde Ernährung, Vermeidung von Gefahren, Abliefern von Urinproben und Schlafberichten – all das ist Pflicht. Eine lückenlose Kontrolle der Körper aller Bürger ist sichergestellt.

Big Data ermöglicht neue Formen der Überwachung und Kontrolle

Leider sind derartige Kontrollvorhaben keine reine Fiktion.

Die digitalen Techniken und die Datensammelwut ermöglichen neue Formen der Überwachung und Kontrolle.

In China gibt es bereits ein Social Credit System (z.B. über Sesame Credit von Alibaba), in dem Scoring-Programme das soziale Verhalten von Menschen bewerten.

Im Silicon Valley läuft das Recruiting teilweise schon über Daten-Auswertung, z.B. über die Auswertung von Gesundheitsdaten, die von elektronischen Haushaltsgeräten aufgezeichnet und dann verkauft werden. Alltagsgegenstände wie elektronische Zahnbürsten – wie oft und wie regelmäßig putzt man sich die Zähne?-  und elektronisch verstellbare Betten – wie lange und wie regelmäßig schläft man? Gibt es eine Tendenz zu Schlafstörungen? – aber auch Babyartikel – wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass im Erwachsenenalter gewisse Krankheiten auftreten werden? Wie hoch ist die Lebenserwartung einzuschätzen? geben mehr über die Nutzer preis, als diese sich vorstellen mögen.

Die Daten landen dann nicht nur beim potentiellen Arbeitgeber, der jemandem mit einem 60%igen Risiko für eine Herzerkrankung vielleicht lieber nicht einstellen möchte, sondern auch bei Versicherungen, die ihre Tarife diesen Daten anpassen.

Überhaupt wird die gesamte amerikanische Bevölkerung mittlerweile in all ihren Lebensvollzügen beobachtet, wie Edward Snowden im Kontext der NSA-Affäre offenlegte:

„It is no longer based on the traditional practice of targeted taps based on some individual suspicion of wrongdoing […] It covers phone calls, emails, texts, search history, what you buy, who your friends are, where you go, who you love.“

Diese Daten wurden von den USA und vom Vereinigten Königreich seit 2007 auf Vorrat gespeichert.

Cui bono? Wem nützt das Internet?

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Tendenz zu Kontrolle und Überwachung in der Entwicklung des Internets bereits angelegt war.

Wie bereits zu Beginn des Artikels erwähnt, gehen die Anfänge der Entwicklung und Vernetzung digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien auf das US-amerikanische Militär zurück.

Das US-amerikanische Verteidigungsministerium gründete nach dem Sputnik-Schock von 1957 die „Advanced Research Projects Agency“ (ARPA) und beauftragte sie, ein flexibles, möglichst autonom funktionierendes Informationsnetzwerk zu entwickeln. 1969 wurde das „Arpanet“ in Betrieb genommen.

Der Großteil der Finanzierung für die Computerwissenschaften in den 1950er bis 1970er-Jahren stammte aus dem Militärhaushalt.

Ab den 70er Jahren wurde die Privatwirtschaft dann zum wichtigsten Motor der Digitalisierung.

Auch dies hatte natürlich keinen geringen Einfluss darauf, wie sich das Internet in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat.

63 Prozent der von Apps gesammelten Daten haben keinerlei Nutzen für die Anwendung selbst. Sie dienen Werbezwecken oder werden verkauft.

Durch „Profiling“ werden auch hier in Deutschland etliche Informationen über uns gesammelt: Arbeitsleistung, Kaufkraft, Aufenthaltsort, Gesundheit, persönliche Vorlieben, Interessen, Mobilitätsgewohnheiten, Shoppingverhalten…

Manager überwachen zunehmend Verhalten und Leistung der Angestellten mithilfe von digitalen Techniken. Neue Softwarelösungen können jeden einzelnen Arbeitsschritt aufzeichnen und nachvollziehbar machen. Oft ist für die Beschäftigten nicht einsehbar, wie die Kontrollen durch das Management ablaufen.

Die Digitalisierung wird dazu instrumentalisiert, um noch mehr Kontrolle ausüben zu können, um noch mehr Effizienz zu erzielen, um noch mehr aus den Angestellten rauszupressen und um noch mehr Profit erwirtschaften zu können.

Otto Scharmer nennt das dem zugrundeliegende Mindset, das

„mindset of maximum “me”— maximum material consumption, bigger is better, and special-interest-group-driven decision-making“;

für ihn führt das geradewegs in einen „state of organized irresponsibility„.

Das Paradigma des grenzenlosen Wachstums

Die Digitalisierung wird missbraucht, um das Festhalten am Paradigma des grenzenlosen Wachstums zu legitimieren. Doch dieses Paradigma grenzenlosen Wachstums ist nicht nur höchst ideologisch, sondern auch gefährlich.

Gefahren zeigen sich auf mehreren Ebenen: Ökologisch gesehen führt das Wachstumsparadigma zu einer immer stärkeren Ausbeutung der natürlichen Ressourcen.

Was dabei nicht beachtet wird, ist, dass es Grenzen des Wachstums gibt, wie bereits 1972 in der gleichnamigen Studie vom Club of Rome gezeigt wurde. Die natürlichen Ressourcen sind begrenzt. Ihr Verbrauch müsste in den nächsten 20 Jahren auf ein Zehntel sinken, damit die Regenerationsfähigkeit von Ökosystemen und Biosphäre gewährleistet bleibt. Ein grenzenloses „Schneller, höher, weiter!“ funktioniert nicht.

Auf der sozialen Ebene führt das Paradigma des grenzenlosen Wachstums ebenso zum Kollaps, denn auch eine grenzenlose Ausbeutung der inneren Ressourcen funktioniert nicht.

Zunehmender Druck und ständige Erreichbarkeit führen schnell zu Überforderung.

Weltweit steigen Burnout und Depressionen, die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen steigen immer mehr an und viele Mitarbeiter haben bereits die innere Kündigung vollzogen.

Rationalisierung und Automatisierung

Woher kommt das Denkmodell der maximalen Ausbeutung der inneren und äußeren Ressourcen?

„In einem Zeitalter der fortgeschrittenen Technik ist Ineffizienz die Sünde wider den heiligen Geist.“,

bemerkte einst Aldous Huxley.

Und tatsächlich führt die zunehmende Rationalisierung in die Effizienzfalle: Das Streben nach Effizienz um jeden Preis gehört zu den veralteten Paradigmen des Industriezeitalters.

Schneller, höher, weiter! : Kosten noch mehr senken, Prozesse noch mehr straffen, noch schneller sein und noch mehr leisten! Diese Haltung ist nicht nachhaltig.

Das reine Effizienzdenken bietet auch keinen fruchtbaren Nährboden für Innovationen.

Die Digitalisierung ist ein Mittel zur Fortführung des seit dem Aufkommen der Industrialisierung vorherrschenden Paradigmas der Rationalisierung und Automatisierung.

Dem liegt ein mechanistisches Weltbild zugrunde, das in der Tradition de La Mettries (1748) Welt und Mensch als Uhrwerke versteht, deren innere Mechanismen und natürliche Gesetze untersucht und verstanden und dementsprechend beeinflusst werden können.

Doch Menschen sind nicht trivial. Sie funktionieren nicht wie eine Maschine, deren Verhalten stets vorhersehbar und einordbar ist.

Die Psyche ist ein hochkomplexes System.

Evgeny Morozov zufolge zeichnet es den Menschen gerade aus, unperfekt zu sein, chaotisch zu sein, Fehler zu machen, nicht vorhersehbar zu sein:

„Das Unperfekte, das Doppeldeutige, das Undurchsichtige, die Unordnung und die Möglichkeit, sich zu irren, zu sündigen, das Falsche zu tun: All das macht die menschliche Freiheit aus, und jeder ernsthafte Versuch, das abzuschaffen, wird die Freiheit gleich mit abschaffen.“

Der Mensch – freies Subjekt oder Feedback-Mechanismus?

Hans Jonas zufolge vollzieht der Mensch die Bestimmung des Zweckes des Daseins eben nicht als Feedback-Mechanismus, sondern als freies Subjekt.

Für Hans Jonas verfügen lebende Organismen über eigene Zwecke (Sie haben einen purpose). Lebende Organismen haben ein subjektives Interesse am eigenen Dasein. Sie können ihr Dasein ‚fühlen‘, die eigene Existenz bewusst wahrnehmen. Aus dem Interesse am eigenen Dasein heraus vollziehen lebende Organismen ihr Leben:

Auf der untersten Stufe des Lebens wird dieses Interesse am eigenen Dasein über den Stoffwechsel reguliert. Auf der Stufe der Tierheit kommt die Sorge um Nahrung und Nachkommenschaft ins Spiel.

Der Mensch vermag es, die Frage nach einem höchsten Gut (dem summum bonum) zu stellen, um den Zweck des Daseins zu bestimmen, seinen purpose.

Für zweckhaftes Handeln bedarf es eines freien Willens. Dieser freie Wille muss vom Subjekt bewusst gesetzt werden. Er ist der Handlung als Motivation vorgelagert und verursacht den Handlungsprozess kausal, um auf diese Weise das bezweckte Resultat zu erreichen.

Man kann menschliches Handeln somit nicht mit einer Maschine vergleichen, denn menschliches Verhalten ist nicht auf den mechanisch geregelten Kausalzusammenhang von Reiz und Reaktion zu reduzieren, wie es etwa der Behaviorismus behauptet.

Stattdessen gibt es auch eine subjektive Innendimension des Lebens: subjektive Bedürfnisse, die sich in Form von Gefühlen äußern.

Neue soziale Spieregeln für das digitale Zeitalter

Dieser unglaublichen Komplexität des menschlichen Fühlens und Verhaltens kann im Rahmen der Digitalisierung nur dann Rechnung getragen werden, wenn wir alle in all unserer Vielfalt und Buntheit die Digitalisierung mitgestalten.

Dazu gehört auch, dass wir gemeinsam festlegen, welche sozialen Spielregeln im digitalen Zeitalter gelten sollen.

Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall, fordert etwa einen Diskurs über die soziale Absicherung im Alter und ein Leitbild für gute Arbeit:

„Die digitale Transformation und die immer bedeutendere Rolle von digitalen Plattformen brauchen soziale Spielregeln. Neue Formen von Arbeit erfordern einen Diskurs über die soziale Absicherung im Alter oder im Fall von Krankheit. Gute Arbeit ist auch in der digitalen Welt unser Leitbild. Hier sind alle Akteure gefordert: Crowdworker, Unternehmen, Gewerkschaften und Gesetzgeber.“

Wie wollen wir leben?

Es kommt also darauf an, dass wir alle die Digitalisierung aktiv mitgestalten.

  • Doch wie steht es eigentlich um die gesellschaftliche, unternehmerische und politische Gestaltbarkeit von technischen Wandlungsprozessen?
  • Wie kann sich eine kritische Zivilgesellschaft einbringen?
  • Wie steht es um die gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen?
  • Welche Steuerungsinstrumente benötigen wir?
  • Welche Konsum- und Verhaltensmuster wollen wir?
  • Wie können wir uns die Zusammenhänge zwischen wirtschaftlichen Interessen und eigenem Medienverhalten deutlich machen?
  • Was sind die Leitprinzipien für eine nachhaltige und sozial gerechte Digitalisierung?
  • Gewährleistung von Datenschutz, Gemeinwohlorientierung, Nachhaltigkeit?
  • Wie können wir die Weichen dafür stellen?
  • Wie können wir die Gesellschaft so gestalten, dass die durch die Digitalisierung ausgelösten gesellschaftlichen Veränderungen nicht die Autonomie des Individuums und die kollektive Selbstbestimmung der Gesellschaft gefährden?
  • Welches Potenzial haben digitale Technologien, um zu einer Demokratisierung der Wirtschaft beizutragen?
  • Wie wollen wir leben?
  • Welche Zukunft wünschen wir uns?
  • Was ist für uns das gute Leben?

Die Antwort einer Schülerin auf diese letzte Frage hat mir ganz besonders gut gefallen:

„Das gute Leben ist für mich, dass ich weiß, dass ich mein Leben selbst steuere.“

Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass Autonomie, Selbstbestimmung, Freiheit und unser freier Wille auch in Zeiten der Digitalisierung die Basis für ein gelingendes Leben für alle bilden können!

 

Dieser Text basiert auf einem Vortrag, den ich am 18.10.2018 im Rahmen der Sozialorganischen
Führungswerkstatt des Instituts für Sozialorganik im SAP AppHaus in Heidelberg gehalten habe.